Klimadiskurs-NRW

Der lange Weg zur Kreislaufwirtschaft


am 20.04.22 von Matthias Reuter gepostet

Klimaschutz braucht Kreislaufwirtschaft

Die Notwendigkeit einer „echten Kreislaufwirtschaft“ wird immer deutlicher. Zum einen verbrauchen wir in der linearen Welt mehr Ressourcen, als jährlich regeneriert werden (Stichwort „Erdüberlastungstag“), zum anderen können eine glaubwürdige Klimapolitik und das Erreichen von Klimaschutzzielen nur mit Circular Economy erfolgen. Den Begriff der „echten Kreislauffähigkeit“ haben wir – das ist der Fachverband Matratzen-Industrie gemeinsam mit seinen Partnerverbänden, dem Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie – Heimtex – und dem Verband innenliegender Sicht- und Sonnenschutz – ViS – gezielt so geprägt. Der Grund: das Wort „Kreislaufwirtschaft“ ist in Deutschland durch das Kreislaufwirtschaftsgesetz zwar schon lange in aller Munde. In den vergangenen Jahren hat man sich aber überwiegend mit der Verbrennung von Abfall beschäftigt – und das ist natürlich kein geschlossener Kreislauf. Es muss jedoch unser Ziel sein, den Kreislauf zu schließen. Das ist auch eine zwingend notwendige Voraussetzung, um glaubhaft realistische Klimaschutzziele zu erreichen. Letztendlich müssen die Anstrengungen im Bereich Circular Economy darauf abzielen, das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln.

Nebst diesen Notwendigkeiten gibt es auch Anreize für die Wirtschaft. Die Unternehmensberatungsgesellschaft BCG kommt zu dem Schluss, dass das Marktvolumen für die Zirkuläre Wirtschaft bis 2030 in Deutschland bei 200 Milliarden Euro liegt, für Europa sind es bis zu 800 Milliarden Euro (exklusive Berechnungen für Handelsblatt, erschienen im Artikel „Rohstoff Müll: Die 800-Milliarden-Euro-Chance“ vom 01.11.2021).

Abb. „lineare Abfallwirtschaft vs. „echte Kreislaufwirtschaft“

Prinzip des Circular Designs

Der Wandel zur Circular Economy beginnt im Produktdesign, auf Englisch Circular Design. Die entscheidende Frage lautet hier: Wie muss ein kreislauffähiges Produktdesign aussehen?

Die Frage wird uns im Kompetenz-Zentrum Textil + Sonnenschutz, dem Zusammenschluss der drei Verbände, oft gestellt. Es gibt darauf eine kurze Antwort, die simpel klingt, aber extrem schwierig umzusetzen ist. Wir werden nicht müde, unseren Mitgliedern zu erläutern, dass sie zuallererst die zwei Schritte im Produktdesign umkehren müssen. An erster Stelle muss künftig die Frage stehen: Wie gestalte ich ein Produkt, wenn es nur darum geht, es morgen zu recyceln und die Rohstoffe wiederzugewinnen, um ein neues Produkt daraus herzustellen? Erst im zweiten Schritt sollte man sich dann anschauen, wie die gewünschten Produkteigenschaften zu erfüllen sind.

Ein Beispiel aus der Matratzenbranche

Ein Mitgliedunternehmen des FMI hat eine Matratze aus nur zwei Materialen hergestellt: Polyester und Stahl. Selbst der Bezug besteht aus Polyester. Somit kann gewährleistet werden, dass diese Matratze recht leicht zu recyceln ist. Dieses Unternehmen hat die Frage nach den Produkteigenschaften nicht so gelöst, wie es in herkömmlichen Matratzen oft der Fall ist, wo eine Fülle von Materialen miteinander verklebt, verschweißt oder verschmolzen sind. Hier wurde mit dem gleichen Material und unterschiedlicher textiler Aufmachung gearbeitet, um gewünschte Eigenschaften und Funktionen zu erfüllen.

Welche Herausforderungen bleiben?

Dieses Beispiel zeigt, dass es möglich ist, eine Matratze von Anfang an so zu gestalten, dass sie am Lebensende wieder auseinandergenommen werden und die Materialien so recycelt werden können, dass sie wieder in die Produktion zurückfließen können.

Quelle: Fachverband Matratzenindustrie e. V.

Hierzulande gibt es jedoch bislang kein zirkuläres Sammelsystem. Matratzen gelangen in einer linearen Wirtschaft oft unwiederbringlich auf dem Sperrmüll. Das große Schlagwort in diesem Zusammenhang ist die Extended Producer Responsibility (EPR), also die erweiterte Herstellerverantwortung. Wir sind als Verband dabei, das Thema auf politischer Ebene für Deutschland voranzutreiben. Andere europäische Länder, wie Frankreich, Belgien und die Niederlande, sind hier schon weiter. Dort wird beim Kauf einer Matratze ein separater Betrag ausgewiesen, der vom Verbraucher bezahlt und für die Infrastruktur zur Verfügung gestellt wird. Dieser Betrag wird an die Organisationen weitergegeben, die die Logistik und die Infrastruktur mit den Matratzensammlern und den Aufbereitungsanlagen organisieren.

Damit am Produktlebensende die Beteiligten wissen, wie sie mit der Matratze verfahren müssen, bedarf es einer individuellen Kennzeichnung der Matratze, über die Informationen u. a. zu den verwendeten Materialien und geeigneten Recyclingmethoden aus einer Datenbank ausgelesen werden können. So wird sichergestellt, dass auch nach Jahren der Benutzung die für ein Recycling erforderlichen Informationen bereitstehen. Gleichzeitig stellt das Datenbanksystem sicher, dass technische Entwicklungen berücksichtigt werden. Die Einführung eines standardisierten und praxistauglichen Digitalen Produktpasses ist hier von zentraler Bedeutung.

Und letztendlich muss auch das Verbraucherbewusstsein für Circular Economy geschult werden. Hersteller müssen mit Handel und Verbrauchern kommunizieren, um sie über die Vorteile nachhaltiger/kreislauffähiger Produkte zu informieren.

Das Kompetenz-Zentrum Textil + Sonnenschutz sieht es als seine Aufgabe, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und z. B. bei Messeauftritten und in der Fach- und Endkundenpresse Werbung für eine echte Kreislaufwirtschaft zu machen. Auch die Politik ist aufgefordert, durch gezielte Nachhaltigkeitskampagnen die Industrie in der Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen und Rahmenbedingungen zu ermöglichen – nicht zuletzt auch, um Verbraucher für „grünen Wandel“ zu stärken und dafür zu sorgen, dass Nachhaltigkeitsaussagen der Unternehmen (Green Claims) auch einheitlich belegt und somit nachvollziehbar werden. So sieht es auch der zweite Circular Economy Action Plan der EU von 2020 vor.

Der Weg in die Kreislaufwirtschaft ist kein Spaziergang, sondern ein Marathon. Doch der Weg lohnt sich und alle, die Frontrunner sind, haben die Chance, diesen Weg aktiv zu gestalten – statt sich von politischen Vorgaben überrumpeln zu lassen.

Auf den Punkt gebracht: „Close the loop“ gelingt mit…

  • Netzwerken/Austausch aller Akteure entlang der Wertschöpfungskette
  • Geschäftsmodellen, die an kreislauffähige Produkte angepasst werden
  • Kommunikation/Öffentlichkeitsarbeit der Hersteller gegenüber Händlern/Verbrauchern
  • Verlässlichen Rahmenbedingungen von Seiten der Politik, Gestaltungsfreiraum und Umsetzung durch Experten aus der Industrie

Matthias Reuter ist Referent Kreislaufwirtschaft beim Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie e. V., der Partner des Fachverbands der Matratzenindustrie e. V. ist.

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