Klimadiskurs-NRW

„Wumms“, Wasserstoff und Windenergie


am 22.06.20 von Arnt Baer gepostet
© fotolia.com / #188138761

Bislang sind die Unternehmen der Wasser- und Energieversorgung gut durch die Krise gekommen. Dieses Fazit lässt sich im Juni 2020 ziehen. Gelsenwasser hat wie viele Andere den operativen Betrieb frühzeitig entsprechend organisiert, um das Infektionsrisiko bei den Mitarbeitenden so gering wie möglich und die öffentliche Versorgung dabei jederzeit aufrecht zu erhalten

Ein Krisenstab analysierte im Wochenrhythmus die Lage, die Hygiene- und Verhaltensstandards des RKI wurden konsequent verinnerlicht. Der Betrieb ist strikt von der Verwaltung separiert. Die Belegschaften arbeiten in autarken Teams und tauschen sich nur über Telefon und digitale Medien aus. Mitarbeitende aus Risikogruppen wurden durch Homeoffice geschützt. Es wurden Schlüsselprozesse und -positionen wie z. B. die Aufbereitung des Trinkwassers in den Wasserwerken identifiziert. Die Verfügbarkeit von Materialien und Dienstleistern wird eng überwacht. Angesichts der allgemein verbesserten Lage ist nun eine vorsichtige Rückkehr zum Regelbetrieb unter Einhaltung der Hygieneregeln gerechtfertigt.

Wirtschaftliche Folgen werden immens
Aber welche wirtschaftlichen Folgen wird die Krise auf die Kommunalwirtschaft haben? Natürlich ist sie nicht vorbei und die Frage nicht klar zu beantworten. Bislang berichten indes nur wenige deutsche Wasserversorger von Zahlungsausfällen, im Haushaltsbereich hat die Abnahme durch Homeoffice eher zugenommen. Der Energieabsatz dagegen ist infolge der Beschränkungen zum Teil deutlich gesunken. Im Großhandel waren die Preise im Sinkflug. Bei der Automobilindustrie war die Produktion eingestellt, andere Branchen mussten sie stark reduzieren. Durch die Einschränkungen im öffentlichen Leben ist vor allem der tertiäre Sektor tief getroffen. Einzelhändler, Restaurants, Hotels und weitere Dienstleistungsunternehmen können ihren Betrieb noch immer nur eingeschränkt aufnehmen. Fast alle Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute gehen für 2020 von einer schrumpfenden Wirtschaft aus.

Von dieser Entwicklung hängt aber der Energiesektor unmittelbar ab. Der Staat wird in den nächsten Jahren hohe Einbußen verkraften müssen. Die aktuelle Steuerschätzung rechnet mit nur noch 717,8 Mrd. € Steuereinnahmen für 2020. Im Vergleich zum Oktober 2019 bedeutet dies Mindereinnahmen für Bund, Länder und Gemeinden von 98,6 Mrd. €. Für die Jahre 2021 bis 2024 belaufen sich die Schätzungen der Mindereinnahmen auf 217,3 Mrd. €. Allein die Steuerausfälle der Länder betragen in den nächsten vier Jahren 60,6 Mrd. €, die der Gemeinden 30,0 Mrd. €. Das Institut der deutschen Wirtschaft aus Köln rechnet in seiner Konjunkturprognose mit einem auch im internationalen Vergleich deutlichen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um ganze 9 Prozent.

Nachhaltigkeit bleibt Wille der Menschen
Über welchen Zeitraum eine Wirtschaftskrise andauert, hängt sicher gerade beim Exportweltmeister Deutschland von der weltweiten Konjunktur ab. Aber auch von unseren wirtschaftspolitischen Maßnahmen. Nach der Finanzmarktkrise im Jahr 2009 gelang mit klassischer Wirtschaftspolitik eine rasche Rückkehr zur Normalität. Aber die Anforderungen im Jahre 2020 gehen weiter. Die Menschen wollen den Umbau. Vier von fünf Deutschen finden, dass Klimaschutz trotz Pandemie wie bisher fortgesetzt oder sogar erhöht werden sollten. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Bundesverbandes der Energie – und Wasserwirtschaft (BDEW) eindrucksvoll.  81,6 Prozent der Befragten gaben an, Klimaschutzmaßnahmen sollten fortgeführt oder sogar erhöht werden. Nur 15,2 Prozent sprachen sich dafür aus, Klimaschutzmaßnahmen zu reduzieren. Die Energiewende finden 80,4 Prozent der Befragten weiterhin wichtig oder sehr wichtig.

„Wumms“, Wasserstoff und der Wind 
Am Abend des 03. Juni schnürte der Koalitionsausschuss das Konjunkturpaket „Corona-Folgenmit einem Investitionsvolumen von 130 Mr. Euro. Beeindruckende fast 40 Mrd. sind für Klimaschutz vorgesehen. Das Paket könnte zum Aufschwung beitragen und gleichzeitig den Weg in eine nachhaltigere Wirtschaft ebnen. Denn es enthält viele gute klimapolitische Impulse wie zu sauberer Mobilität, Gebäudesanierung oder zum Hochlauf einer Wasserstoffwirtschaft. Die Teilfinanzierung des EEG aus dem Haushalt kann man ordnungspolitisch diskutieren. Sie wird aber wohl den drohenden drastischen Anstieg der EEG-Umlage und die zu befürchtenden Grundsatzdebatten um den Ausbau der Erneuerbaren verhindern.

Aber es müssen weitere Fragen beantwortet werden, bei denen noch so viele Milliarden nicht helfen. Deutsche Windprojekte scheitern nicht am Geld. Unternehmen wie GELSENWASSER haben viel Know-how aufgebaut und hohe Investitionen getätigt. Sie hängen an Flugsicherung, Genehmigungsrecht oder einer Debatte um Abstände zu Wohngebieten, die an den echten Stellschrauben der Akzeptanz vorbeigeht.

Und die den Blick verstellt auf die Tatsache, dass Windenergie vor Ort nötig ist für den zweiten Pfeiler der Energiewende, der nicht nur die Wärme sondern auch Teile der Industrie und des Verkehr dekarbonisieren soll: Grünen Wasserstoff. Der kann als dezentraler, akzeptierter und 100% CO2-freier Energiespeicher ohne Netzausbauprobleme sehr wertvoll werden. Aber dann müssen wir uns entscheiden. Selbst wenn die sehr ambitionierten 20 Gigawatt „Wind auf See“ gebaut werden, werden diese niemals reichen. In der Wasserstoffstrategie plant die Bundesregierung den Aufbau von 5 Gigawatt inländischer Produktion bis 2030, weitere 5 Gigawatt bis 2040. Aktuell existieren Projekte mit 25 Megawatt in Deutschland. Wir müssen also die Elektrolysekapazitäten in zehn Jahren um Faktor 200 ausbauen. Dann müssen wir bald anfangen. Und dafür braucht es viel Wind. Auf See und an Land.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.