Klimadiskurs-NRW

Erzählungen der Energiewende


am 19.07.16 von Steven Engler gepostet

Die Energiewende darf keine bloße Erzählung von neuen Techniken sein, sondern muss neue Blinkwinkel auf ein „Gemeinschaftswerk“ eröffnen, das etwa zum Mitmachen einlädt.

Die Energiewende ist in aller Munde. Der Ausbau der Stromnetze, die Diskussionen über Windkraftanlagen, die Insolvenz einiger Photovoltaik und Solarfirmen, etc. beherrschen die mediale Debatte. Dabei drehten sich die Fragestellungen lange Zeit zu sehr um technische Aspekte. Dieses Phänomen beginnt sich zu wandeln und sozio-kulturelle Fragestellungen rücken immer mehr ins Zentrum der Betrachtung, denn die Energiewende ist mehr als nur Technik und mehr als nur Energie.

Wie laufen Beteiligungsprozesse im Kontext der Energiewende ab, wer wird überhaupt beteiligt, wie wird die Energiewende wahrgenommen bzw. erlebt und wie wird sie von wem kommuniziert. All das sind neue Fragestellungen, dem sich unter anderem mehrere Forschungseinrichtungen unter dem Dach des Virtuellen Instituts „Transformation – Energiewende NRW“ widmen. Eine zentrale Bedeutung, gerade auch aus zivilgesellschaftlicher Perspektive, nehmen Erzählungen ein.

Erzählen ist ein „soziales Totalphänomen“ (Mauss 1999: 17), also ein Vorgang, der alle individuellen Lebenswelten und öffentlichen Institutionen durchzieht, in weiten Teilen konstituiert und in allen Kulturen der Welt anzutreffen ist (Barthes 1988: 102). Das Erzählen erfüllt – indem es retrospektiv formale Ordnung in kontingente biographische und diskursive Ereignisse bringt und prospektiv Entwürfe möglicher Zukünfte generiert und strukturiert – die Funktion der Sinngebung und Bedeutungszuschreibung. Diskurse werden durch interne und externe Prozeduren „kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert“ (Foucault 1974: 7). Die narrative Deutung und Vermittlung von Diskursen heben die Wirkmechanismen dieser Prozeduren nicht auf, schwächen sie jedoch ab: Die Erzählung ermöglicht es, in einer Kantine oder Mensa ein Gespräch über Klimawandel oder Energiewende zu führen, ohne fundierte Kenntnisse der Klimatologie oder Methoden der policy-Forschung zu besitzen. Solche „Wirklichkeitserzählungen“ (Klein/Martínez 2009: 1) erweitern die Zahl der legitimen Sprecher (Foucault 1974: 7), da sie Informationen vereinfachen, verknappen, angleichen und bei Bedarf auch vervollständigen (Koschorke 2012: 32).

Diese theoretische Darstellung verdeutlichen wir anhand eines Beispiels: Wenn vom CO2-Ausstoß auf der Erde vor der Industriellen Revolution gesprochen wird, dann ist dies der positiv konnotierte Referenzpunkt, an dem sich der weitere Verlauf der Erzählung misst (in der Erzähltheorie als Komödie bezeichnet). Die Komplikation, in diesem Falle die technologische Entwicklung, beendet diesen harmonischen Zustand. Nun tritt in der Erzählung die „Bürgergesellschaft“ (WBGU 2011: 10) als Kollektivsubjekt auf die Bühne. Diese Erzählung wird im Zusammenhang mit der Energiewende unter anderem von Vertretern transformativer Wissenschaft verwendet und inzwischen auch durch zahlreiche einzelne Metaphern und Narrative gespeist. Sowohl wissenschaftliche Projekte (Leggewie et al.) als auch Stiftungsarbeit bieten solche Einzelerzählungen. Prominent tritt dabei zum Beispiel Harald Welzer mit seiner Stiftung FuturZwei auf. Er präsentiert Geschichten des Gelingens:

„Das geht in den Orkus!“ – mit diesem Spruch werden alte Elektrogeräte bedenkenlos verabschiedet. Orkus ist ein römischer Gott. Durch sein Riesenmaul führt der Weg in die Unterwelt. Doch seine Göttlichkeit schafft es längst nicht mehr, den ganzen Elektroschrott, der auf der Erde anfällt, unter ihr zu verstecken. 2017 werde der weltweite Gerätemüll so viel wiegen wie 200 Empire State Buildings, lautet eine Prognose der Vereinten Nationen. Schwere Kost. […] Drinnen brutzeln etwa 20 Antikonsumkämpferinnen und -kämpfer. Sie löten, kleben, schrauben und feilen, was das Zeug hält. Kaputte Haushaltsgeräte fangen wieder an zu braten, Erinnerungsuhren beginnen zu ticken, und geliebte Plattenspieler leiern von Neuem. Wer hier mitwerkelt, steckt im Repair Café. (Zamani 2005)

Hier wird die Welt, die zu Zeiten als „Orkus“ noch allen Müll aufnehmen konnte und sich dadurch in einem ausgeglichenen Zustand befand, durch eine Komplikation ins Chaos gebracht. Die Protagonisten wollen diesen Ausgangszustand wiederherstellen. Der Endzustand jedoch zeigt sich als noch besser als der Ausgangszustand. Die reparierten Gegenstände werden nämlich zusätzlich mit Bedeutung aufgeladen und bekommen  einen symbolischen Wert. Solche Erzählungen vermitteln – ohne erhobenen Zeigefinger – Möglichkeiten einer gelingenden Energiewende, die nicht aus Konfrontation und Widerstand bestehen, sondern zum Nachahmen und Mitmachen einladen. Um aus der Energiewende ein „Gemeinschaftswerk“ (Kleiner: 2013: 78) zu machen sind Bedrohungsszenarien nicht ausreichend. Die Energiewende muss auch als attraktiv wahrgenommen werden können.

Literatur

Barthes, Roland (1988): Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp Frankfurt am Main.

Foucault, Michel (1974): Die Ordnung des Diskurses. Inauguralvorlesung am Collège des France – 2. Dezember 1970. Ullstein-Verlag Frankfurt am Main/Berlin/Wien.

Klein, Christian/Martínez, Matías (2009):Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens. In: Dies. (Hrsg.): Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens. J.B. Metzler Stuttgart, Weimar.

Kleiner, Matthias (2013): Die Ethikkommission „Sichere Energieversorgung“. In: Töpfer, Klaus/Volkert, Dolores/Mans, Ulrich (Hrsg.): Verändern durch Wissen. Chancen und Herausforderungen demokratischer Beteiligung: von Stuttgart 21 bis zur Energiewende. oekom-Verlag München.

Koschorke, Albrecht (2012): Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie. S. Fischer Frankfurt am Main.

Leggewie, Claus/Reicher, Christa/Schmitt, Lea (Hg.) (im Erscheinen): Geschichten einer Region. AgentInnen des Wandels für ein nachhaltiges Ruhrgebiet. Dortmund: Kettler.

Mauss, Marcel (1999): Die Gabe. Form und Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften. Suhrkamp Frankfurt am Main.

Stiftung FuturZwei: https://www.futurzwei.org/#index (Zuletzt eingesehen am 14.03.2016).

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2011): Hauptgutachten. Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation. Berlin: WBGU.

Zamani, Borjana (2015): Mit Lötkolben gegen Müllberge. Entnommen aus: https://m.futurzwei.org/repair-cafe (Zuletzt eingesehen am 14.03.2016).

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