Klimadiskurs-NRW

Wie können wir weltweit die Ziele des Klimagipfels von Paris erreichen?


am 02.03.16 von Manfred Fischedick gepostet
Das Paris Agreement ist ein gemeinsamer Weg der Weltgemeinschaft gegen den menschengemachten Klimawandel © Fotolia

Das Paris Agreement ist ein gemeinsamer Weg der Weltgemeinschaft gegen den menschengemachten Klimawandel © Fotolia

Die Erwartungshaltung an den Klimagipfel in Paris war groß. Sind aber die vergangenen internationalen Klimakonferenzen stets mehr oder weniger mit einer Enttäuschung zu Ende gegangen, hat der Pariser Gipfel positiv überrascht.

Am 12. Dezember 2015 hat die 21. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention das sogenannte „Paris Agreement“ angenommen. Von der Weltgemeinschaft ist damit ein gemeinsamer Weg des Kampfes gegen den menschengemachten Klimawandel eingeschlagen worden. Es ist ein ermutigendes Zeichen der 195 teilnehmenden Länder, dass dies trotz eines schwach ausgebildeten auf dem Konsensprinzip beruhenden internationalen Systems und einer Vielzahl aktueller Bedrohungen wie Krieg, Terror und soziale Ungleichheit gelungen ist.

Im Vertragstext wird festgehalten, dass die globalen Treibhausgasemissionen erstens ihren Höhepunkt so bald wie möglich erreichen sollen und, zweitens, eine „Balance zwischen dem Ausstoß und der Absorbierung durch Senken in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts“ geschaffen werden soll. Dieses Ziel kommt de facto einem Aufruf zu einer globalen Dekarbonisierung vor dem Ende dieses Jahrhunderts gleich. Dies ist die Hauptbotschaft von Paris: Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe ist vorüber.

Damit nicht genug. Kämpft man sich durch den wie üblich etwas komplex formulierten Text, finden sich weitere wichtige Eckpunkte. Dies ist zum Beispiel das klare Bekenntnis der Staatengemeinschaft zu progressiv immer stärkeren Minderungsambitionen. Die im Vorfeld der Konferenz formulierten freiwilligen Ziele der Länder (INDC: Intended National Determined Contribution) sollen in Fünf-Jahreszyklen nachgebessert werden. Dies ist auch unerlässlich, soll das 2°C-Ziel wirklich erreicht werden. Auf Grundlage der vorliegenden Zusagen der einzelnen Länder wird bis Ende des Jahrhunderts mit einer Erderwärmung von rund 2,7 bis 3°C gerechnet

Das Pariser Abkommen legt die „Klimaschutzlatte“ hoch und beschreibt sehr deutlich die zu erreichende Zielmarke. Wie aber kann die „Lücke“ zwischen den derzeit beabsichtigten Klimaschutzmaßnahmen der Länder und den für die Erreichung des 2°C-Ziels notwendigen Emissionsreduktionen geschlossen werden? Wie kann eine stufenweise Dekarbonisierung des Energiesystems bis zur Mitte des Jahrhunderts erreicht werden. Die Antwort – so aktuell vorliegende Studien – ist überraschend einfach: im Wesentlichen mit Hilfe der heute bereits verfügbaren Technologien. Dabei wird jedes Land je nach Rahmenbedingungen und Möglichkeiten seine spezifische Antwort auf diese Herausforderungen finden müssen und einen eigenen Technologiemix wählen.

Im Rahmen des internationalen Deep Decarbonization Pathways Project (DDPP) findet diese These seine Bestätigung. In dem Projekt wurden detaillierte Szenarien für eine Umgestaltung der Energiesysteme von 16 verschiedenen Ländern erstellt, die in Summe für rund ¾ der gegenwärtigen energiebedingten CO2-Emissionen verantwortlich sind. Bei aller Unterschiedlichkeit der gewählten Länder-Studien können drei zentrale Elemente identifiziert werden, die für weitgehenden Klimaschutz bis zum Jahr 2050 offenbar unerlässlich sind:

  • eine deutliche Erhöhung der Energieeffizienz
  • ein sukzessiver Wechsel hin zu CO2-freien bzw. CO2-armen Primärenergieträgern
  • eine deutlich verstärkte Nutzung von Strom als Endenergieträger

Auch in der Deutschland-Studie des Projektes liegt das Schwergewicht auf der Ausschöpfung dieser drei Optionen. Dabei werden im Rahmen einer Metastudie drei bestehende Energieszenarien miteinander verglichen, die für sehr unterschiedliche Auftraggeber aus Politik und Wirtschaft entwickelt worden sind und insofern unterschiedliche Perspektiven spiegeln. Gemeinsam ist allen Szenarien, dass sie bis 2050 entsprechend den Vorgaben des Energiekonzeptes der Bundesregierung eine Minderung der Treibhausgasemissionen von 80 bis 90 % (gegenüber 1990) beschreiben.

Die Szenarien machen deutlich, dass die Dekarbonisierung der Stromerzeugung und deutliche Effizienzsteigerungen im Gebäudebereich die zentralen Meilensteine für die Umsetzung der definierten Ziele sind. Eine CO2-freie Stromerzeugung und ein CO2-freier  Gebäudebestand sind schon für die Erreichung des 80 %-Ziels bis 2050 nahezu unerlässlich. Weitere strukturelle Veränderungen sind notwendig, wenn das THG-Minderungsziel deutlich über 80 % hinausgehen soll. So wird in den Szenarien dann vermehrt Strom aus erneuerbaren Energien in Wasserstoff umgewandelt und damit indirekt Strom im Verkehrs- und Industriesektor zum Einsatz gebracht. Für den Aufbau der dafür notwendigen Infrastrukturen müssen heute schon die Grundlagen geschaffen werden. Eine mögliche Alternative oder Ergänzung dazu stellt die Abscheidung und -Speicherung von CO2 (CCS) dar. Für diese in Deutschland sehr umstrittene Technologie erwartet eines der betrachteten Szenarien zumindest eine Akzeptanz für Anwendungen im Bereich der Industrie. Verhaltensänderungen spielen in den analysierten Szenarien eher implizit eine Rolle, indem davon ausgegangen wird, dass Reboundeffekte deutlich eingeschränkt werden können.

Sowohl in Deutschland als auch weltweit erfordert das 2°C-Ziel die zügige Umsetzung zusätzlicher klimapolitischer Maßnahmen. Dabei braucht es eine Balance zwischen der Umsetzung kurzfristig erschließbarer Beiträge zur Emissionsreduktion (insbesondere durch die konsequente Verbesserung der Energieeffizienz) und der Durchführung vorbereitender Maßnahmen für zukünftig sehr viel weitergehender Reduktionen der Emissionen (z. B. Aufbau von Power to X-Strukturen). Entscheidend ist zudem der  Einstieg in den geordneten Ausstieg aus der Kohlenutzung. Es geht dabei nicht um eine Beendigung des Einsatzes von Kohle über Nacht, sondern um klare politische und in der Konsequenz in Marktstrukturen übersetzte Signale, um hinreichend Zeit zu haben, den Ausstieg sozial verträglich zu gestalten.

Deutschland kommt für die Erfüllung der Pariser Ziele eine wichtige Impulsgeberfunktion zu. Die deutschen Klimaschutzbemühungen werden international aufmerksam beobachtet. Kann hier gezeigt werden, dass eine deutliche Minderung der Emissionen nicht in Widerspruch zu Wohlstand und Entwicklung steht, dann hat dies erhebliche Signaleffekte. Dass dies bei einem entsprechenden politischen Mut und langem Atem gelingen, kann steht immer weniger in Frage. Nach der Zeit der Verhandler in Paris, ist jetzt die Zeit der Praktiker, der Umsetzer in den Regionen, Städten, Gemeinden, in den Unternehmen und bei jedem Einzelnen von uns zu Hause.

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