Klimadiskurs-NRW

Mit Erneuerbaren und Gasnetzen sind Klimaziele erreichbar


am 19.06.18 von Arnt Baer gepostet

Verlegung eines Gasnetzes (Quelle: GELSENWASSER)

Erst kürzlich gab die Bundesregierung die Klimaziele für das Jahr 2020 auf. Gleichzeitig bekannte sie sich zu Recht zu den Zielen für 2030. Bis spätestens 2050 sollen weite Teile von Wirtschaft und Gesellschaft ohne CO2 auskommen. Die Diskussion darum, mit welchen Maßnahmen dies zu schaffen ist, ist in vollem Gange. Klar ist, erfolgreicher Klimaschutz braucht eine erfolgreiche Energiewende. Die schaffen wir nur, wenn wir die vorhandenen Technologien optimal fördern und uns die Zeit bleibt, innovative Technologien zu entwickeln. Die Gasnetze könnten hier einen echten Beitrag leisten.

Studie zeigt: Unsere Infrastruktur verschafft uns Zeit für CO2-freie Versorgung

Gelsenwasser, Open Grid Europe und RheinEnergie haben beim EWI-Institut der Universität Köln eine Studie in Auftrag gegeben, um die sogenannte „Electric-World“ – die Nutzung von 6 Millionen Wärmepumpen 2030 und 13 Millionen im Jahr 2050 – mit einem technologieoffenen Ansatz unter Verwendung der Gas- und Wärmenetze und Power-to-Gas zu vergleichen. Hier handelt es sich um die Umwandlung von regenerativem Strom zu Methan oder Wasserstoff, die über die Netze zur Wärmeversorgung verwendet werden. Prämisse war, dass sogar die hohen Klimaziele von 95% erreicht werden. Mit beiden Ansätzen kann dies gelingen. Die Nutzung der Gas- und Wärmenetze bietet hierbei aber mindestens zwei gewichtige Vorteile.

(bitte anklicken) Quelle: ewi ER&S – ewi Energy Research & Scenarios

Technologieoffenheit ist in jedem Fall günstiger

Der technologieoffene Weg, ohne Vorfestlegung auf eine bestimmte Technologie spart 140 Mrd. Euro. Dabei sind die Annahmen bewusst konservativ gewählt. Die wesentlich massiveren Kosten für das Szenario „Electric World“ erscheinen aber logisch, müssten für diesen Weg doch höhere Investitionen in Kraftwerke, Stromnetze und Maßnahmen an den Gebäudehüllen getätigt werden. Die Kostenersparnis des technologieoffenen Ansatzes gilt sogar für den Fall, dass sich die Wärmepumpe langfristig als die bessere Technologie herausstellt.

Flexibilität wird noch wertvoll sein

Die vorhandene Gas- und Wärmeinfrastruktur gibt uns aber die nötige Zeit, genau die Technologien weiterzuentwickeln, die wir für eine CO2-freie Versorgung benötigen. Egal, ob Stromspeicher, Elektromobilität, digitale Steuerungssysteme für die schwankenden Erneuerbaren oder moderne Formen der Elektrolyse für die Umwandlung in Methan oder Wasserstoff. Die Eröffnung dieses Zeitfensters ist wichtig, denn keine dieser Technologien ist schon weit genug für den flächendeckenden, wirtschaftlichen Einsatz. Und eine valide Einschätzung, welche Technologie sich durchsetzt, kann ehrlicherweise zurzeit niemand treffen. Ein Einsatz der Gasnetze schließt nicht aus, dass ab 2030 nicht doch massiv die Wärmepumpe zugebaut werden kann, wenn Technologien da sind. Er ist daher eine „No-Regret“-Maßnahme und bietet echte Flexibilität, um auf unerwartete Entwicklungen zu reagieren.

(bitte anklicken) Quelle: ewi ER&S – ewi Energy Research & Scenarios

Ein Umdenken in Brüssel?

Auch die europäische Politik, der hin und wieder der Vorwurf gemacht wird, ihre Agenda zu generalstabsmäßig und fern jeder operativen Problemlagen durchzudrücken, straft in Bezug auf Klimaschutz in der Wärmeversorgung ihre Kritiker Lügen. Es gibt ein Umdenken zur Rolle von Erdgas, was öffentliche Äußerungen von Vertretern der EU-Kommission und Studien wie „Quo vadis“* belegen. Die Studie zeigt, dass der Erdgasbinnenmarkt – im Allgemeinen – gut funktioniert und auf dem richtigen Weg ist, was die weitere Integration anbelangt. Die Partnerschaft von Gas und Erneuerbaren aufgrund ihrer ergänzenden Eigenschaften und dem in weiten Teilen Europas sehr gut ausgebauten Gasnetz, wird nicht nur mit Blick auf die nächsten fünf Jahre erkannt – sondern weit darüber hinaus. So ist die Kommission ebenfalls der Meinung, dass Vollelektrifizierung technisch nicht machbar und nicht kosteneffizient sei. Aus Brüssel heißt es, die Gasinfrastruktur soll nicht nur erhalten bleiben, sondern Gas wird langfristig über 2050 hinaus gebraucht. Allerdings erwartet die Kommission zu Recht von der Gaswirtschaft, sich in die Dekarbonisierung** der Volkswirtschaft einzufügen und hierfür eigene Strategien zu entwickeln. Optionen, die Kommission auf europäischer Ebene systematisch bewerten will, sind Lösungen im Bereich Wasserstoff, Carbon Capture and Storage (CCS) und grüne Gase.

Akzeptanz für die Energiewende im Blick behalten

Die Bürger wollen die Energiewende und sind überzeugt, dass Politik und Industrie diese Aufgabe meistern. Laut einer forsa-Umfrage ist aber auch für 67 Prozent der Bürger die Bezahlbarkeit der Energiewende ein entscheidendes Kriterium. Es ist also offensichtlich, dass die die Euphorie bei vielen Menschen in Bezug auf eine schnelle Dekarbonisierung der Gesellschaft durch die Energiewende verflogen ist. Es gilt wachsam zu bleiben. Die Stimmen der Skeptiker in Bezug auf Kosten und Machbarkeit des Projekts verschaffen sich nach und nach Gehör. Jetzt ist es an uns, der Gesellschaft, vielleicht noch mehr als der Politik zu beweisen, dass sichere Energieversorgung und Klimaschutz auch bezahlbar kombiniert werden können.

*Quo vadis ist eine EU-Studie zum Gasmarkt. Untersucht wird die Funktion des EU-Binnenmarkts für Erdgas. Hier finden Sie die Studie: Study on Quo vadis gas market regulatory framework

**Auch Entkarbonisierung: Gemeint ist die Reduktion des Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes der verschiedenen Wirtschaftsbereiche, um die klimaschädlichen Treibhausgasemissionen stark zu verringern . Das ist ein großes Ziel des Klimaschutzes.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.