Klimadiskurs-NRW

Energiewende im Gebäudesektor


am 29.04.15 von Alexander Rychter gepostet

Die Wohnungswirtschaft tut viel für die Energiewende, doch steigende Baukosten lassen sich nicht ignorieren. Wir brauchen also eine gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wachsende Kosten durch steigende energetische Auflagen sowie für die gewünschte Barrierefreiheit verteilt werden können.

Die unternehmerische Wohnungswirtschaft im Westen ist gut aufgestellt: Etwa jeder fünfte nordrhein-westfälische Mieter wohnt und lebt in den Wohnungsbeständen der Mitgliedsunternehmen des VdW Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Rheinland Westfalen. Ihm gehören 470 Mitgliedsunternehmen der kommunalen/öffentlichen, genossenschaftlichen, kirchlichen sowie industrieverbundenen/privaten Wohnungs- und Immobilienwirtschaft an, die mehr als eine Million Wohnungen alleine in Nordrhein-Westfalen bewirtschaften. Im Jahr 2014 haben die VdW-Mitgliedsunternehmen annähernd zwei Milliarden Euro in die Modernisierung ihrer Bestände investiert, darunter zwei Drittel in den energieeffizienten Neubau und die energetische Modernisierung ihrer Bestände. Dies entspricht etwa 70 Prozent ihrer Gesamtinvestitionen.

Wohnungswirtschaft unterstützt Energiewende
Dieses Engagement der Wohnungswirtschaft im Westen hat in den vergangenen Jahren auch die Energiewende unterstützt: Die Sanierungsquote unserer Mitgliedsunternehmen liegt bei gut 90 Prozent teilmodernisierter und modernisierter Wohnungen. Die Wohnungsunternehmen und -Genossenschaften sind ein natürlicher Partner der Politik, wenn es um die Erreichung der Ziele der Energiewende geht. Bei Projekten wie „50 Solarsiedlungen in NRW“ und „100 Klimaschutzsiedlungen in NRW“ tun sie sich durch eine überproportional starke Beteiligung hervor: An fast 30 Prozent der bisher geplanten, im Bau befindlichen oder fertiggestellten Siedlungen waren auch Mitgliedsunternehmen des VdW Rheinland Westfalen beteiligt.

Verzahnte Förderprogramme
Gerade die oft in kompakten Quartieren zusammengefassten Bestände der Wohnungsgenossenschaften, aber auch der kirchlichen, kommunalen und privaten Wohnungsunternehmen sind für den neuen Ansatz dezentraler Energieerzeugung – durch den Einsatz von Solar- und Windkraft, nach dem heutigen Stand der Technik jedoch vor allem durch KWK-Anlagen – sehr gut geeignet. Das hat auch jüngst wieder die Studie „Wohnungsgenossenschaften als strategische Partner beim Klimaschutz“ gezeigt, die wir zusammen mit dem Verein Wohnen in Genossenschaften in Auftrag gegeben haben und die das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz maßgeblich gefördert hat.

Dennoch gibt es natürlich noch viele Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Insbesondere die demografische Entwicklung hat lange nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die notwendig gewesen wäre. So ist es, bei aller Bedeutung einer erfolgreichen Energiewende, dringend notwendig, dass wir uns wieder stärker mit der Reduzierung von Barrieren im Bestand und der Schaffung barrierefreien Wohnraums im Neubau befassen, senioren- und behindertengerechte Konzepte in der Breite möglich machen und uns insgesamt mit den Auswirkungen der älter werdenden Gesellschaft auseinandersetzen. Die gute Nachricht: Werden Förderprogramme entsprechend verzahnt – was langsam Schule macht – dann können energetische und barrierereduzierende Sanierung zusammen gedacht und zusammen durchgeführt werden. Das wird die Effizienz in diesem Bereich merklich erhöhen.

Bündnis für Wohnen
Es bleiben aber auch weiterhin Fragen offen. Die wichtigste dieser Fragen ist jene, was unsere gestiegenen Ansprüche an die Qualität von Wohnraum kosten dürfen. Gemeinsam mit dem Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen haben wir bereits in 2013 das „Bündnis für Wohnen – bezahlbar, generationengerecht, energieeffizient“ ins Leben gerufen. Neubau soll nicht erschwert sondern begünstigt werden, und er soll natürlich die herrschenden Erwartungen an Energieeffizienz wie auch Barrierefreiheit erfüllen. Ein Erfolg des Bündnisses für Wohnen ist es, dass das Land Nordrhein-Westfalen heute eine sehr gute soziale Wohnraumförderung vorweisen kann. Man hat, angesichts der niedrigen Zinsen, sogar noch einmal nachgesteuert und bietet zusätzliche Tilgungsnachlässe an. Sie unterstützen gerade die Kleineigentümer, stellen aber auch sicher, dass öffentlich geförderter Wohnungsbau insgesamt trotz der Lage auf den Finanzmärkten noch vergleichsweise attraktiv ist. Im Bund hat sich inzwischen Bundesbauministerin Barbara Hendricks unser Bündnis für Wohnen als Vorbild genommen, als sie einen ähnlichen Runden Tisch ins Leben rief.

Fairer Lastenausgleich
Noch viel besser muss es uns künftig gelingen, eine gesellschaftliche Diskussion darüber anzustoßen, auf welche Schultern die gestiegenen Baukosten verteilt werden sollen. Dass nämlich Neubau aufgrund der vielen zusätzlichen Auflagen heute auch inflationsbereinigt weitaus teurer ist als vor zehn Jahren, daran besteht kein Zweifel: Wie eine erst jüngst, am 23. April 2015 von der Initiative Impulse für den Wohnungsbau veröffentlichte Studie zeigt, sind Bauwerks- und Nebenkosten um 426,- Euro pro qm Wohnfläche gestiegen. Steuerliche und baurechtliche Vorgaben von Bund und Ländern haben einen Kostenanstieg um 11,2 Prozent oder 248,- Euro pro qm Wohnfläche verursacht. Weitere Faktoren, die allerdings nichts mit der Energieeinsparverordnung zu tun haben, kommen kostensteigernd hinzu.

Die Wohnungswirtschaft tut bereits viel und könnte noch mehr tun, um die Energiewende zu unterstützen und die Auswirkungen der demografischen Entwicklung abzufedern. Doch wenn Klimaschutz und Energiewende Aufgaben von gesamtgesellschaftlichem Interesse sind und wenn es weiter das politische Ziel ist, wesentliche Teile des Wohnungsbestandes in Deutschland bis 2050 quasi klimaneutral neu- oder umzubauen, dann müssen die in den kommenden Jahren anfallenden Milliardeninvestitionen gleichermaßen zwischen Staat, Wohnungswirtschaft und Mietern im Sinne eines fairen Lastenausgleichs verteilt werden.
Denn Wohnungsunternehmen können keine betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten außer Acht lassen. Angesichts der Tatsache, dass sich die gerade gewonnene Dynamik im Neubau bereits wieder abzuschwächen droht, ist es dringend notwendig zu klären, was unserer Gesellschaft mehr Energieeffizienz und mehr Barrierefreiheit wert sein sollten. Für diesen Diskurs stellen wir uns jederzeit zur Verfügung.

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