Klimadiskurs-NRW

Energieintensive Unternehmen: Teil des Problems oder Teil der Lösung für eine gelingende Energiewende in NRW?


am 06.01.17 von Dirk Jansen gepostet
Industrieanlage - Chemiewerk bei Nacht // chemical plant

Welche Beiträge leisten energieintensive Unternehmen, welche müssen sie für den Klimaschutz noch aufbringen?

Die energieintensive Industrie ist Teil des Problems, wenngleich der Sektor Industrie – anders als zum Beispiel die Energiewirtschaft – bereits erhebliche Erfolge bei der Senkung der Treibhausgasemissionen verbuchen kann. Mit einem Anteil von etwa 19 % an den THG-Emissionen Nordrhein-Westfalens liegt der Sektor Industrie an zweiter Stelle der Verursacherbilanz (Energiewirtschaft: 55 %). Von den 284,4 Mio. t CO2-Äquivalente in 2015 entfielen 54,7 Mio. t auf die Industrie. 1990 waren es noch 94,3 Mio. t bei einem Anteil an den Gesamtemissionen von 26 %. Die Industrie hat also einen überproportionalen Beitrag erbracht. Für diese Entwicklung waren jedoch nicht nur technische Fortschritte zu mehr Energieeffizienz verantwortlich, sondern auch der fortgesetzte Strukturwandel.

Nach wie gehören die Chemische Industrie, die Eisen- und Stahlerzeugung, die Aluminiumindustrie und die Zementherstellung zu den großen Endenergieverbrauchern im Lande. Branchenprimus in Sachen Emissionen ist dabei die Eisen- und Stahlerzeugung mit jährlich etwa 21 Mio. t an Treibhausgasen.Insofern finde ich es wichtig, dass sich die Vertreter der energieintensiven Industrie zu ihrer Verantwortung bekennen und die Anstrengungen zur Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen fortsetzen.
Das Bekenntnis, auch Teil des Problems zu sein, schien der Branche zunächst deutlich schwer zu fallen. Ich erinnere an die kontroversen Diskussionen im Rahmen der Aufstellung des Klimaschutzplans. Die dem Klimaschutzplan zugrunde liegende Quellenbilanz wurde von den Industrievertretern nur zähneknirschend hingenommen. Gerne hätte man – trotz aller methodischen Probleme – eine Produktbilanz heran gezogen. Es ist sicherlich richtig: Die Herstellung besonders energieeffizienter oder ressourcenschonender Produkte kann zwar zur Minderung von THG-Emissionen andernorts beitragen. Dies darf aber kein Freibrief sein, sich die hiesige Bilanz schönzurechnen und die NRW-Industrie quasi als CO2-Senke zu beschönigen. Auch die Mitarbeit ehemaliger Branchengrößen wie Dieter Ameling ( – er war lange Jahre Manager bei Thyssen, Krupp, Saarstahl und Präsident des Stahlwirtschaftsverbandes ) im Klimawandel-Leugner-Verein EIKE, dem so genannten Europäischen Institut für Klima und Energie, trägt nicht unbedingt zur Glaubwürdigkeit bei.

Gleiches gilt für die Proteste gegen den Europäischen Emissionshandel, z.B. anlässlich des so gen. Stahlaktionstages im April 2016. Es ist legitim, wenn Menschen auf die Straße gehen, weil sie um ihre Arbeitsplätze bangen. Scheinheilig ist es, dass die Stahl-Unternehmen für ihre wirtschaftlichen Probleme den Klimaschutz mitverantwortlich machen. Wie kaum ein anderer Industriezweig hat zum Beispiel die Stahl-Branche vom Emissionshandel profitiert, weil dieser energieintensive Unternehmen stark begünstigt. Nach Recherchen der Klimaschutzorganisation Sandbag besitzt allein ThyssenKrupp Millionen überschüssige CO2-Zertifikate. Auch Konzerne wie die Salzgitter AG oder ArcelorMittal erhielten deutlich mehr Zertifikate als sie an CO2 emittierten. Die deutsche Eisen- und Stahlindustrie konnte den Daten der Deutschen Emissionshandelsstelle zufolge bislang stets alle Emissionen mit kostenlosen Zertifikaten decken. Hinzu kamen massenhaft billige Zertifikate aus Drittstaaten („Offsets“), die gleichberechtigt abgegeben werden dürfen. Die überschüssigen kostenlosen CO2-Zertifikate wurden verkauft oder umgetauscht und CO2-Kosten, welche die Konzerne gar nicht hatten, reichten sie trotzdem zu guten Teilen an ihre Kunden weiter.

Nimmt man noch alle weiteren Vergünstigungen wie

  • die Strompreiskompensation im Rahmen des ETS,
  • die Ausnahmen von der EEG-Umlage,
  • die Eigenstrombefreiung,
  • Stromsteuervergünstigungen,
  • Netzentgeltentlastungen inklusive Konzessionsabgabenbefreiung

zusammen, ergibt sich laut der aktuellen FÖS-Studie im Auftrag der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen für die 428 deutschen Stahlunternehmen ein geschätztes Entlastungsvolumen in den Jahren 2014/15 von rund 1,9 bis 2,1 Mrd. EUR pro Jahr. Rechnet man die Entlastungen auf die innerhalb der Stahl-Branche rund 120.000 direkt Beschäftigten um, ergibt sich ein durchschnittliches Subventionsvolumen von 17 bis 18 Tsd. EUR je Arbeitsplatz und Jahr. Und bei der Aluminium-Industrie sieht dies aus Steuerzahler-Sicht noch viel finsterer aus.

Fazit Nr. 1: Vermeintlich überzogene Klimaschutz-Bestimmungen  taugen nicht als Argument, wenn es um die Zukunft der energieintensiven Industrien geht. Im Gegenteil: Wir müssen eine Reduktion der THG -Emissionen pro Einheit Stahl oder Aluminium erreichen. Dafür braucht es klare Anreize, zum Beispiel über eine entsprechende Ausgestaltung des Europäischen Emissionshandels.

 

Die energieintensive Industrie muss auch Teil der Lösung werden. Weitergehende Anstrengungen zum Klimaschutz sind notwendig. Die Frage ist also, welchen Beitrag die Energieintensiven Energien zu leisten bereit sind, um das Ziel der Bundesregierung nach einer 80 bis 95 %-igen Senkung der THG-Emissionen bis 2050 zu erreichen.

a) Im Rahmen einer auf Ressourcenschonung ausgerichteten Wirtschaft müssen zuvorderst Strategien zur Senkung des Rohstoffverbrauchs entwickelt werden. Zu allererst ist dabei auch zu hinterfragen, ob wir die heute produzierten Mengen an Stahl oder Aluminium überhaupt auf Dauer benötigen. Wenn ich Schlagzeilen lese wie „ThyssenKrupp will mit Automobilindustrie wachsen“ hat das mit Nachhaltigkeit, wie ich sie verstehe, wenig zu tun. Das Produktportfolio muss letztendlich auch konsequent klimaverträglich gestaltet werden. Auch ist ein fortdauerndes Wirtschaftswachstum schlichtweg nicht mit einer auf Ressourcenschonung ausgerichteten Nachhaltigkeitsstrategie vereinbar. Natürlich müssen auch alle Recycling-Potenziale ausgeschöpft werden, um den Rohstoffverbrauch entlang der gesamten Produktionskette zu minimieren. Ziel muss es zum Beispiel sein, möglichst schnell auf Primäraluminium zu verzichten. Durch die ausschließliche Verwendung von Sekundäraluminium ließe sich ein Großteil der heute eingesetzten Energie wegsparen.

b) Am Energieträgerwechsel, hin zu 100 % Erneuerbaren Energien, führt im Rahmen einer „Low-Carbon“-Strategie kein Weg vorbei, wenn wir die Klimaschutzziele erreichen wollen. Dies haben nicht zuletzt die Szenarien-Berechnungen für den NRW-Klimaschutzplan gezeigt. Hier sind noch große Anstrengungen erforderlich, um zum Beispiel regenerativ erzeugten Wasserstoff zur Direktreduktion von Eisen einsetzen zu können. Damit ließe sich auch der Einsatz von Koks ersetzen, als „Abfallprodukt“ entstünde nur Wasserdampf.  Die Schweden machen uns das derzeit vor. In eineinhalb Jahren soll dort die entsprechende Vorstudie fertig sein. Danach soll die Technik in einer Pilotanlage so weit optimiert werden, dass die kommerzielle Produktion um 2030 beginnen könnte. Voraussetzung dafür ist, dass ausreichend preiswerte Erneuerbare Energien zur Verfügung stehen. Auch vor diesem Hintergrund war die letzte EEG-Novelle sicherlich nicht gerade wirtschaftsfreundlich.

c) Weitere Techniken zur Verringerung und ggf. Nutzung der prozessbedingten Emissionen müssen schnell voran gebracht werden. „Carbon2Chem“, die Nutzung der Hüttengase als Ausgangsstoff für die Chemieproduktion unter Einsatz regenerativ erzeugten Wasserstoffs klingt vor diesem Hintergrund viel versprechend. Dennoch seien hierzu auch einige kritische Anmerkungen erlaubt.

Die Erzeugung von Methanol und Ammoniak, quasi als „Abfallprodukt“ der Stahlerzeugung, hilft chemische Grundstoffe einzusparen, die sonst anderweitig energieintensiv erzeugt werden müssten. Das heißt aber nicht automatisch, dass wird damit einer nachhaltigen Wirtschaftsweise näher kommen.  Es kommt auch hier darauf an, was man daraus macht. Die Versorgung einer industriellen Landwirtschaft mit Kunstdünger geht in meinen Augen kaum als zukunftsfähige Vision durch. Was ich damit sagen will, ist, dass wir sektorenübergreifende Strategien brauchen, den Ressourcenverbrauch zu minimieren und die natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten.

Auch sollte die Frage gestattet sein, ob solche „Leuchtturmprojekte“ ausreichen. Die an „Carbon2Chem“ beteiligten Partner planen Investitionen von mehr als 100 Millionen Euro bis 2025. Für die kommerzielle Realisierung haben sie mehr als eine Milliarde Euro vorgesehen. Das klingt auf dem ersten Blick eindrucksvoll, ist meines Erachtens aber nicht mehr als ein Tropfen auf dem immer heißer werdenden Stein. Unbestritten ist, dass die Nutzung von regenerativ erzeugtem Strom zur Wasserelektrolyse in Zeiten eines Stromüberangebotes auch ein wichtiger Beitrag zum Lastmanagement sein kann. Insofern können Stahlwerke in diesem Feld eine wichtige Rolle übernehmen. Gleiches gilt z.B. auch für die Aluminium-Industrie mit dem Projekt der „virtuellen Batterie“.

Fazit Nr. 2: Die energieintensive Industrie tut gut daran, die Anstrengungen auf dem Weg der bilanziellen CO2-Neutralität zu verstärken. Klimaschutz muss als Chance verstanden werden, nicht als Hemmnis.

 

Wollen wir die Klimaschutzziele erreichen, reicht es aber letztendlich nicht aus, die bestehenden Strukturen und –prozesse zu Durchgrünen, sondern wir brauchen ein neues Wirtschaftsmodell. Der ökologische Umbau der Industriegesellschaft könnte zunächst einen weiteren Wachstumsschub auslösen.  Aber der notwendige Rückbau des fossilen Ressourcenverbrauchs um 80 bis 95 Prozent bis zum Jahr 2050 wird sich kaum mit einer Verdoppelung des Bruttoinlandsprodukts – was einer jährlichen Wachstumsrate von etwa 1,5 % entspräche – vereinbaren. „Besser, anders, weniger“ – so hat das Wuppertal Institut in seiner Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“ die Faustformel für den Weg zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft formuliert. Nur im Dreiklang aus Effizienz, Naturverträglichkeit (Konsistenz) und Suffizienz ließe sich ressourcenleichter Wohlstand garantieren.

Auch darüber müssen wir diskutieren…

 

[Der Beitrag knüpft an an den am 7.9.2016 in Essen durchgeführten KLIMA.SALON  zu Klimaschutz und energieintensiven Industrien an]

Eine Antwort zu “Energieintensive Unternehmen: Teil des Problems oder Teil der Lösung für eine gelingende Energiewende in NRW?”

  1. Avatar Andreas sagt:

    Wenn die energieintensive Industrie durch starke Subventionen in Form von günstigerer Energie subventioniert wird, nimmt man ihr einen Teil der unternehmerischen Verantwortung ab, kostengünstig und ressourcenschonend zu produzieren – und sich aus eigener Kraft einem internationalen Wettbewerb zu stellen.
    Wohin das führen kann, zeigt die Entwicklung bei den deutschen Automobilherstellern, für die jahrelang immens hohe Strafzölle an die EU gezahlt wurden, damit die Hersteller nicht in klimaschonendere Technologien investieren mussten. Nun stehen die Hersteller wegen Betrug am Pranger und andere Konzerne anderer Länder sind technologisch Lichtjahre weiter.
    Richtig wäre also, wenn energieintensive Unternehmen gezwungen wären, ihren Energiebedarf zumindest in Teilen selber zu erfüllen oder ihn zu regulären Marktpreisen (ohne Subventionen) einzukaufen. Dann würde auch – alleine schon aus Kostennotwendigkeit – wieder mehr Innovation betrieben, die Prozesse zu optimieren. Und ja: Im Zweifelsfall müsste auch die Diskussion geführt werden, ob es sinnvoll ist, alle Industrien in Deutschland unbedingt fort zu führen, wenn wesentliche Elemente, wie Ressourcen, Klima, benötigte Grundstoffe, etc. hier nicht mehr (ideal) verfügbar sind. Dafür bräuchte es eine neue gesellschaftliche Grundordnung – Grenzübergreifend, Kontinentalübergreifend. Meine Erwartung ist, dass der Klimawandel genau zu einer solchen neuen Ordnung führen wird – vermutlich aber viel zu spät.

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