Klimadiskurs-NRW

Atomkraft – Lösung oder Scheinlösung für nachhaltigen Klimaschutz?


am 27.10.17 von Heinz Baues gepostet

Eurodif Nuclear Power Plant, Tricastin in Frankreich (Dean Calma / IAEA)

Während bei uns in Deutschland Erneuerbare Energien perspektivisch als zukünftige Energieträger außer Frage stehen, ist die Atomkraft international, insbesondere auch auf europäischer Ebene, als sogenannter CO2-freier Energieträger zunehmend im Gespräch. Deshalb ist es wichtig, einmal genauer hinzuschauen, wenn Klimaschutz durch Atomkraft als Patentlösung ins Spiel gebracht wird. Das Auslaufen der Atomkraftwerke in Europa sollte genutzt werden für den Umbau zu einem nachhaltigen Energiesystem.

Weltweites Bekenntnis zum Klimaschutz lässt hoffen
Ein Bekenntnis wichtiger politischer Verantwortlicher weltweit zum Pariser Klimaschutzabkommen und eine neue US-Klimaallianz wichtiger US-Bundesstaaten von Kalifornien über New York bis Washington lässt – trotz des einseitig verkündeten  Klimaschutzausstieges des amerikanischen Präsidenten Trump – hoffen. Für den Klimaschutz wichtige Länder und Regionen der Erde ziehen offenbar grundsätzlich alle an einem Strang: die Europäische Union, die Bundesregierung und auch die neue Landesregierung in NRW.

Es besteht eine grundsätzliche und weitgehende Einigkeit zur Reduzierung der Treibhausgase für alle wesentlichen Bereiche wie Industrie, Energie, Verkehr, Bauen und Wohnen, und Landwirtschaft. Strukturell soll dies durch die sogenannte 3 E-Strategie umgesetzt werden. Darunter ist Einsparung von Ressourcen und Energie, die Steigerung ihrer Effizienz  sowie die Nutzung erneuerbarer Ressourcen und Energien zu verstehen.

Atomkraft – Scheinlösung für Klimaschutz?
Während bei uns in Deutschland Erneuerbare Energien perspektivisch als zukünftige Energieträger außer Frage stehen, ist die Atomkraft international, insbesondere auch auf europäischer Ebene, als sogenannter CO2-freier Energieträger zunehmend im Gespräch. Deshalb ist es wichtig, einmal genauer hinzuschauen, wenn Klimaschutz durch Atomkraft als Patentlösung ins Spiel gebracht wird.

Es ist heute Fakt, dass trotz der Reaktorkatastrophen in Tschernobyl vor über 30 Jahren und von Fukushima vor mehr als sechs Jahren  die Atomkraft weiterhin eine der wichtigen Stromquellen in Europa und der Welt ist. Weder Massenproteste seit den 1970er Jahren noch die Atomkatstrophen führten dazu, die Energiegewinnung aus Atomkraft endgültig zu stoppen. Doch die Energielandschaft in Europa und die Einstellung zu den verschiedenen Energieträgern hat sich in den letzten Jahren geändert.

Die Atomkatastrophen haben die Anfälligkeit von Atomkraftwerken überall auf der Welt verdeutlicht. Auslöser solcher Katastrophen können technische Fehler oder Baumängel, aber auch menschliches Versagen und Natureinflüsse, wie Erdbeben oder Tsunamis, sein. Viele Reaktoren in Europa gelten als gefährdet. So wenig wie man die Ursachen von Atomkatastrophen verhindern kann, so schwer lassen sich ihre Folgen wirklich beheben. Bei beiden Atomkatastrophen sind die Aufräum- und Abbauarbeiten noch lange nicht beendet, in der Ukraine also selbst nach 30 Jahren nicht.

Risiken für Atomkatastrophen erhöhen sich
Weniger beachtet worden sind bislang  weitere mögliche Ursachen für Atomkatastrophen. Neue Formen des Terrorismus bedrohen immer mehr die Sicherheit von Atomkraftwerken weltweit, aber auch und gerade in Europa. Atomkraftwerke  als Anschlagsziel von gekaperten Flugzeugen sind dabei nur eine Variante. Im zeitlichen Umfeld der Selbstmordattentate des vergangenen Jahres in Belgien wurden bspw. Unregelmäßigkeiten um einen Atomforscher und die belgischen AKWs Doel und Tihange bekannt: Über drei Jahre arbeitete ein in Syrien ausgebildeter Dschihadist im AKW Doel, ein Terrorist der Pariser Anschläge hatte den Leiter des belgischen Atomkraftwerkszentrums ausspioniert.

Ende der Atomkraft in Sicht?
Neben allen durchaus realistischen Gefahrenlagen bleibt weiterhin zusätzlich das bislang ungelöste Problem der Lagerung des Atommülls bestehen. Bis zum heutigen Tag wurde noch kein einziges sicheres Endlager auf der Welt gefunden. Doch der stetig wachsende Müllberg bedroht die Gesundheit der Menschen und die Umwelt. Ein Ausstieg aus der Atomkraft scheint vielen der einzig logische Schritt hin zu einer sicheren und gleichzeitig sauberen Welt. Doch so einfach lässt sich das nicht ändern. Denn selbst in Ländern mit bereits sehr hoher installierter Leistung an erneuerbaren Energien wie China, USA und Japan, sind die Energiesysteme auch heute noch auf traditionelle Energieerzeuger wie Kohle, Erdöl und Atomkraft ausgerichtet. Folgerichtig wurde dort die klimapolitische  Diskussion aufgrund der Pariser Vereinbarung zur Senkung von CO2-Emissionen in eine  Richtung geführt, die zu einem Boom zur Planung von neuen Atomkraftwerken weltweit führen kann. Diese Kraftwerke gelten zumindest als klimaneutral und helfen vordergründig, die CO2-Bilanz zu retten und gleichzeitig die Energienachfrage zu befriedigen. Fragen nach Sicherheit der Bevölkerung und der Entsorgung geraten dabei in den Hintergrund.

Widerstand gegen den Ausstieg aus der Atomkraft in den Nationalstaaten
Bisher sind es vor allem einige nationale Regierungen, die sich gegen das Ende der Atomkraft in Europa wehren. Frankreich argumentiert, dass sich das historisch gewachsene Energiesystem mit seinen 19 AKWs nicht von heute auf morgen ändern lässt. Hingegen wird Deutschland – von Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft ähnlich wie Frankreich – bis 2022 komplett aussteigen.

Auch in kleineren Ländern, wie etwa in Tschechien, der Slowakei oder den Ländern des Baltikums, spielt die Atomkraft eine wichtige Rolle im Energiemix. Die Regierungen argumentieren hier, dass der Umbau hin zu erneuerbaren Energieträgern allein aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht zu stemmen sei. Außerdem fehlt in jenen Ländern auch der gesellschaftliche Rückhalt für die Energie aus Wind und Sonne.

Viele Länder steigen hingegen mittlerweile mit Rücksicht auf die Sicherheit ihrer Bevölkerung bewusst aus der Atomenergie aus. In der EU nutzen noch 14 von 28 Staaten Kernenergie. Belgien, Deutschland und Spanien haben einen Atomausstieg beschlossen, betreiben aber noch Kernkraftwerke. Auf Strom aus Atomkraft verzichten derzeit Dänemark, Irland, Lettland, Italien, Österreich, Litauen, die kleinen EU-Länder wie Luxemburg sowie Polen. Polen plant jedoch zwei Atomkraftwerke. Italien, Österreich und Litauen haben den Atomausstieg beendet. Italien hatte nach Tschernobyl in einer Volksabstimmung den Ausstieg beschlossen und bis 1990 seine vier Kernkraftwerke abgeschaltet. Österreich schloss das fertige AKW Zwentendorf nach einer Volksabstimmung nie ans Netz.

Europa als Vorbild für die übrige Welt
Trotz dieser negativen Nachrichten für den Atomausstieg bleibt die Hoffnung, dass gerade in Europa sich die Politik und Wirtschaft auf eine umfassende Umstellung des Energiesystems einigen könnten. Voraussetzung ist dabei, dass die Länder in Europa sich gegenseitig bei der Verwirklichung ihrer Atomausstiegspläne unterstützen. Als Beispiel sei hier die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Belgien und Deutschland beim Alegro-Projekt und bei weiteren Überlegungen genannt, die es Belgien ermöglichen könnte, sein Atomausstiegsziel 2025 zu erreichen.
Voraussetzung dafür, dass sich Europa als Vorbild für andere Regionen der Welt entwickelt, ist dabei perspektivisch, dass Europas Versorgungsnetz weiter grenzüberschreitend ausgebaut wird und immer mehr Stromautobahnen die Energienetze der europäischen Mitgliedsstaaten zu einem Energiebinnenmarkt verbinden. Die Strategie der EU-Kommission wird deshalb  als Energieunion vorangetrieben.

Mit diesen technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen und dem politischen Willen hin zu einem erneuerbaren Energiesystem kann der Ausstieg von der Atomkraft für einen ganzen Kontinent gelingen und so zum Vorbild für andere Regionen werden.

EU spielt maßgebliche Rolle und muss richtige Weichen stellen
Die Europäische Kommission hat mit dem Ziel der Energieunion, dem Sommerpaket des Jahres 2015 und den Winterpaketen  vom Herbst 2016 und 2017 Weichenstellungen vorgenommen, die nicht nur der Steigerung der Versorgungssicherheit, sondern u. a. auch der Erreichung der Europäischen Klimaschutzziele Rechnung tragen sollen. Dabei ist es wichtig, darauf zu achten, dass der Klimaschutz in Europa durch eine nachhaltige Energiewende erreicht werden kann, also ein Energiewende ohne die Nutzung der Atomkraft mit ihren bekannten real nicht auszuschließenden Risiken. Dazu wäre es bspw. auch wichtig, dass insbesondere auch bei den im Winterpaket zukünftig vorgesehen Regelungen keine  die Atomkraft heutiger Ausprägung begünstigenden Impulse gesetzt werden.

Eine Zeitliche Lücke eröffnet Chancen
Ein Umstand macht jedoch Hoffnung auf Veränderung. Die Termine für die Abschaltung der meisten Atomkraftwerke liegen praktisch fest.

Darstellung Euractiv, Daten: Wikipedia

Dadurch wird eröffnet sich die Möglichkeit, den Umbau des Energiesystems besser zu planen. Da den Regierungen und der EU-Kommission bekannt ist, wann neue Energiekapazitäten in den Ländern nachgefragt werden, weil AKWs abgeschaltet werden müssen, können gezielt erneuerbare Energien zum Einsatz gebracht werden und innerhalb der nächsten 20-30 Jahre sukzessive zum Kern eines neuen zunehmend auch grenzüberschreitenden Energiesystems werden.

Bis zum Jahr 2045 werden Atomkraftwerke mit einer Leistung von rund 125 Gigawatt abgeschaltet sein, ein Großteil davon jedoch schon vor 2030 (siehe Diagramm). Allein durch den Austausch von Atomkraft durch CO2-neutrale Energien oder erneuerbare Energien nach der regulären Laufzeit könnte man den Anteil der erneuerbaren Energien in einem erheblichen Maße erhöhen. Vor allem in den 2020er Jahren werden viele Atomkraftwerke in Europa stillgelegt. Dies eröffnet neue Chancen für erneuerbare Energien. Es wird daher nötig sein, den europäischen Energiebinnenmarkt weiter auszubauen, EU-Fördermöglichkeiten für erneuerbare Energien zu verbessern, diese dann auszuschöpfen und die sich ergebende Atomkraft-Lücke zu nutzen, um spätestens in 30 Jahren komplett auf Atomenergie in ganz Europa verzichten zu können. Einer atomaren Renaissance in Europa jedenfalls gilt es durch eine nachhaltige Energiewende entgegen zu wirken – im Interesse des Klimaschutzes und der Sicherheit seiner Bürger vor den zeitlich und räumlich nicht begrenzbaren Auswirkungen von Atomkatastrophen.

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